Gibt es eine natürliche Ursache von Kriegen?

Verfasst von Stephan Schielke

Veröffentlicht am 06.01.2013

Entwicklung eines Ameisenstaates

Ab einer gewissen Staatsgröße produziert ein Ameisenvolk Königinnen welche in nah gelegene Gebiete fliegen um dort neue Nester zu bauen. Je nach Ameisenart werden unterschiedlich viele Königinnen, in unterschiedlich weite Entfernungen entsendet. Fliegt die Königin beispielsweise 20 Meter weit und findet eine geeignete Stelle für den Nestbau, so beginnt sie zu buddeln und legt mit letzter Kraft einige Eier. Diese reifen zu Larven, verpuppen später und daraus schlüpfen schließlich Arbeiterinnen, welche dabei helfen den Staat zu etablieren und weiter aufzubauen.

Dieser Vorgang geht in den meisten Fällen schief und es bildet sich kein neues Nest. Ursachen dafür gibt es viele. Die Königin hatte meistens einfach Pech bei der Standortwahl. Deshalb setzen Ameisen lieber auf Masse statt Klasse bei der Verbreitung ihrer Gene. In ganz wenigen Fällen jedoch schafft es die neue Königin einen großen Staat zu etablieren bis, ja bis dieser neue Ameisenstaat unter Umständen sogar wieder in Kontakt mit ihrem “Urstaat” tritt. Beide Ameisenvölker tragen fast die gleiche DNS. Dies können sie auch erriechen. Vergleichbar ist dies mit einer Tante welche für ein paar Jahre weggezogen ist und nun ihre Kinder auf ihre Neffen und Nichten stoßen. Man ist sich irgendwie ähnlich, man ist blutsverwandt, trägt sogar den gleichen Familiennamen.

Krieg unter Ameisenstaaten

Eine Begegnung mit Nachbar-Ameisenstaaten kann unterschiedlich verlaufen. Sind beide Völker wohlauf und haben genügend Ressourcen, so meiden sie sich einfach und gehen einander möglichst aus dem Weg. Der Aufwand für eine kriegerische Auseinandersetzung ist zu hoch.
Anders sieht es da aus wenn einer der beiden dem anderen Volk stark überlegen ist. Der schwächere Ameisenstaat wird meist gnadenlos ausgerottet. Dies passiert nur dann nicht wenn der stärkere wirklich mit allem völlig gesättigt ist. Ein stagnierendes Wachstum ist schon Grund genug seinen Nachbarn zu überfallen.
Noch einmal anders sieht es bei gleich starken Völkern aus. Diese gehen sich grundsätzlich aus dem Weg, es sei denn einer der beiden leidet unter einem immensen Ressourcenmangel. Die wenigen Ressourcen welche noch zu Verfügung stehen möchte er nicht auch noch teilen müssen. Ein Krieg erscheint den Ameisen an solch einer Stelle unausweichlich. Bei den Ameisen spielt es keine Rolle ob sie Blutsverwandte sind oder nicht. Einzig und allein der Blick auf die Ressourcen zählt.

Ameisen haben keine natürlichen Feinde. Zumindest keine welche dazu in der Lage wären ihren Staat als ganzes auszurotten (Der Mensch sei hier als “natürlicher” Feind einmal ausgenommen). Solange eine Königin lebt, lebt auch der Staat weiter. Einzig und alleine eine Ressourcenverknappung oder ein anderer Ameisenstaat ist in der Lage ein ganzes Ameisennest auszurotten.

Die Parallele zum Menschen

Die Parallelen zum Menschen sind offensichtlich. In einem Ameisennest leben bis zu mehreren Millionen Ameisen, vergleichbar mit einer Stadt oder einem Land. Minderheiten in menschlicher Gesellschaft haben es genau so schwer wie kleine Ameisenstaaten. Die Menschheit expandiert Schritt für Schritt (Mittlerweile ist die territoriale Expansion an ihre jetzige Grenze gestoßen), so wie Ameisen es anstreben. Trotz gleicher Gene, gleicher Chromosomenpaare, gleicher Körper bekriegen wir einander. Beim Menschen wie bei Ameisen aus Ressourcenmangel heraus. Beim Menschen durch noch viel mehr Gründe, hauptsächlich ideologische und kulturelle Unterschiede. Einen natürlichen Feind außer die gleiche Spezies gibt es bei beiden de facto nicht.

Mir ist bewusst das man den Mensch und Ameise nur spärlich vergleichen kann, dennoch sind die Parallelen auffallend.

Der Dienst des Krieges

Krieg findet immer dann statt, wenn sich eine Partei dadurch einen Vorteil verspricht. Das Wohl bzw. Unwohl des anderen spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Hauptsache die eigene Seite steht nach dem Krieg besser dar. Das ist schön zu sehen bei den Ameisen: Sie kriegen genau dann, wenn sie einen Vorteil für sich darin sehen. Alles andere hält der Kosten-Nutzen-Analyse nicht stand. Beim Menschen scheint es mir genau so zu sein. Es gab keinen vernünftigen Grund für eine weitere Expansion des Römischen Reiches. Es war bereits das mächtigste. Die Römer hatten Zugang zur Bildung, Hygienestandards, Gesundheitssysteme et cetera. Warum dann noch weiter expandieren? Alleine ein Wachstum der eigenen Sippe wird als Vorteil genug angesehen um einen Krieg zu rechtfertigen. Nach dem Motto: “Am Ende sind wir mehr und haben mehr Ressourcen”. Kreuzzüge zur Missionierung der Andersgläubigen brachten keinen Nutzen, außer das man am Ende sagen kann: “Jetzt sind wir mehr und haben mehr Gold”.

Wachstum und Fortpflanzung als natürlicher Grund des Kriegens

Es gibt anscheinend eine treibende Kraft die danach strebt immer weiter zu wachsen, sei es territorial oder allein durch die Anzahl der Gleichgesinnten. Irgendetwas treibt Ameisen, Menschen, Algen, ausnahmslos alle Lebewesen dazu an sich zu vermehren und auszubreiten. Die Idee der Fortpflanzung spiegelt sich unmittelbar im Kriegen wieder.
Krieg ist ein natürliches Ereignis. Krieg entsteht aus dem Fortpflanzungsdrang heraus, dem Ziel weiter zu wachsen. Es ist förmlich zwanghaft ständig zu wachsen und die eigenen Vorstellungen weiter zu verbreiten. Es ist etwas natürliches.

Es geht nicht darum den anderen zu schwächen sondern vornehmlich darum sich selbst zu stärken. Die Schwächung des anderen dient nur der Stärkung des selbst. Schon alleine zwei fast identische Ameisenvölker die direkte Nachbarn sind und von ein und der gleichen Mutter abstammen bekriegen sich nur aus dem einzigen Grund selbst weiter zu wachsen zu können. Krieg entsteht zwangsläufig in der Natur.

Es geht auch gar nie um das Wohl aller, sondern immer um das Wohl einer Gruppierung, völlig egal wodurch sie sich unterscheidet, sei es Hautfarbe, Kultur, Geschlecht, Gesinnung, Wohnort, Geburtsort...
Da der Mensch nun alle territorialen Bereiche erobert hat und seine eigene Spezies nun überall ist fängt er an sich selbst in Gruppen zu teilen. Die Rassenideologie zur Zeit des dritten Reiches ist das Resultat des weiter fortbestehenden natürlichen Wachstumsdranges. Nun reichte es nicht mehr als Mensch den gesamten Planeten zu besiedeln. Nein! Es musste der arische Mensch sein und kein anderer! Auch schon kurz davor, zur Zeit des Imperialismus, galt der “weiße zivilisierte Mensch” dem “schwarzen Buschmann” übergeordnet. Die Menschen suchten gezielt nach unterschieden in der menschlichen Rasse um sich weiter unterteilen zu können und dadurch weitere Wachstumsmöglichkeiten zu erschaffen.
Ich persönlich hoffe die Rassenideologie war der traurige Höhepunkt unserer Menschheitsgeschichte, aber so wie es aussieht suchen die Menschen auch heute noch nach Gruppen anstelle jeden einzelnen Menschen als Individuum zu betrachten.

Das eigentlich Sinnvollste und Ausblick

Stünde das Wohl der Gesamtheit im Vordergrund so wäre es mathematisch am sinnvollsten den Nutzen aller Individuen aufzusummieren und das Aggregat zu optimieren. Anders ausgedrückt: Wenn jeder, bevor er eine Entscheidung träfe, an das bestmögliche für jeden anderen denken würde, so wäre dieses Vorgehen das beste für alle. Rein technisch lässt sich das leider nicht bewerkstelligen. Keinem ist es möglich alle Interessen aller 7 Mrd. Erdenbürger bei jeder Entscheidung zu berücksichtigen. Und so kommt es wie es kommen muss: Der Mensch ist der Natur hilflos Untertan.

Die Menschheit ist weit davon entfernt intelligent zu handeln. Menschen halten sich für elitär und letztenendes verhalten sie sich doch wie es ihnen die Natur vorgibt.