Eines der größten Probleme unserer Zeit ist die verfehlte Verantwortung. Sie fehlt an allen wichtigen Bereichen unserer Gesellschaft, dabei ist sie essentiell für unser Zusammenleben. Verantwortung zu übernehmen ist leicht, dafür einzustehen ist schwierig. Es ist also kein Mangel an Verantwortung sondern vielmehr das Nichteinlösen bei einem Fehlschlag. Vorstandsposten von Unternehmen sind schnell befüllt. Schließlich muss es Verantwortungsträger geben. Unser Gehalt ist ebenfalls stark gekoppelt an unsere Verantwortung in unserer Arbeit. Soll die Verantwotung aber eingelöst werden und geht es um Rechenschaft, so versucht jeder Vorstandsposten sich möglichst klein zu machen und die erworbene Verantwortung von sich zu weisen.

In unserer repräsentativen Demokratie gibt es überhaupt kein Mittel für den Bürger die Verantwortung beim Parlament und insbesondere den einzelnen Parlamentariern einzulösen. Verläuft etwas nicht wie geplant, wird die Verantwortung von sich gewiesen. Die Presse stürzt sich mit Wucht auf Fehlverhalten um eine gute Schlagzeile zu produzieren. Auf der einen Seite ist das gut um auf Probleme aufmerksam zu machen, aber auf der anderen Seite führt das zu beobachtbaren Ausweichveralten. Jeder möchte aus der Schusslinie und keiner mit Verantwortung steht mehr aufrecht.

Vertrauen und Verantwortung sind stark miteinander verbunden. Wir erleben zur Zeit eine Vertrauenskrise in unserer Politik und in die Demokratie als Ganzem. Es hängt sicherlich mit der nicht wahrgenommenen Verantwortung zusammen. Schlägt ein Vorzeigepojekt wie Elbphilharmonie, Stuttgart21, BER-Flughafen oder JaseWeser-Port fehl, ducken sich alle Verantwortlichen und weisen Vorwürfe von sich, anstatt sich mit den Vorwürfen in echter Weise damit auseinander zu setzen. Durch das Nichteinlösen der Verantwortung die einem zugewiesen wurde entsteht Misstrauen. Dieses Misstrauen in die Politik führt zur Verdrossenheit und dem Gefühl keinen Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Der Bürger erhält den Einruck mit seiner Stimme nichts verändern zu können, gar richtig stellen zu können.

Nur wie kann man das Problem der fehlenden Verantwortungswahrnehmung beheben? Die wehemente Wucht der Medien und die ungezügelte Wut der Medienkonsumenten muss gebändigt werden. Es bedarf einer konstruktiven Kritik seitens der Öffentlichkeit. Ein reines Verachten des Fehlverhalten ist destruktiv. Die Öffentlichkeit muss aufstehen und eigenen Lösungen bieten, anstatt auf dem Fehler herumzureiten. Fehler zu benennen ist einfach; Sie zu lösen jedoch nicht.
Ich bin mir jedoch nicht sicher ob das die Lösung des Problems ist. An anderer Stelle ist zu beobachten, dass die Parlamentarier beratungsresistent dem Bürger gegenüber sind. Wird nicht geschriehen und genügend Druck aufgebaut, wird meistens gar nichts unternommen. Es bedarf immer eines öffentlichen Drucks, damit ein Parlamentarier sich überhaupt dazu genötigt sieht etwas zu verändern. Es ist eine Art des Teufelskreis.
Es gibt nur einen Weg einen Teufelskreis zu durchbrechen und das ist an einer x-beliebigen Stelle mit dem jetzigen Prozess aufzuhören und anders weiter zu machen. Natürlich kann nach einer geeigneten Stelle zum Durchtrennen gesucht werden, aber für die Lösung des Teufelskreises spielt das keine Rolle. Meine Hoffnung dabei ist, wenn Politiker ihre Verantwortung auch wahrnehmen und ihre Posten und Stellen nach gravierenden Fehlverhalten ohne die bürgerliche Wut verließen, würde das Vertrauen in die Politik seitens der Bürger wieder wachsen. In einer Gesellschaft in der Vertrauen gegenüber der Politik herrscht bedarf es auch keiner Bürgerwut mehr, da auch ohne sie Rücktritte und Sanktionen bei Fehlverhalten stattfinden.
Die andere Möglichkeit ist es die Bürgerwut zu unterlassen und dann darauf zu hoffen, dass Politiker aufgrund der fehlenden Öffentlichkeit leichter dazu bereit sind Rechtfertigung über Fehlverhalten abzulegen.

Ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass es keiner Wut und keinem Druck mehr in der Gesellschaft bedürfte, damit alles “normal” funktioniert? Ist stimme zu, dass es aus heutiger Sicht nach einer utopischen Gesellschaft anmutet die ich hier beschreibe. Müssen wir uns denn wirklich alle gegenseitig anschreien nur damit jeder seinen Job vernünftig erledigt?

Rücktritte sollten leichter fallen. Ich kann die Menschen in verantwortungsvollen Positionen verstehen. Niemand möchte gerne seinen Posten aufgeben. In manchen Fällen ist aber notwendig. Im Sport beispielsweise existiert diese Dynamik des Rücktritts von Positionen noch. Spielführer wird der kompetenteste für diese Aufgabe. Wird diese Aufgabe unzureichend erfüllt wird die Position von jemand anderem besetzt. Diese Entscheidung wird in der Gruppe gefällt und ist meistens keine Entscheidung zwischen Positionsträger und der Öffentlichkeit. Wenn jemand im Training nur einen von 10 Elfmetern getroffen hat ist es selbstverständlich, diesen Schützen nicht beim Elfmeterschießen im Turnier aufzustellen. Jemand mit einer besseren Quote übernimmt den Job und trägt ab dann die Verantwortung.

Vielleicht ist es auch das fehlende Eingeständnis des Fehlers welcher zur Nichtwahrnehmung der Verantwortung führt. Ist es gar die Dissonanz zwischen Wirklichkeit und Einbildung? Vielleicht ist den Verantwortungsträgern ihr Fehlverhalten wirklich nicht bewusst und es fehlt an Einsicht zum Fehler. In diesem Fall handeln sie nämlich aus Trotz. Ein Rücktritt kommt für sie nicht in Frage, da sie der Meinung sind ihren Job zur Zufriedenheit ausgeführt zu haben. Wer ist eigentlich Richter darüber ob etwas zur Zufriedenheit ausgeführt wurde? Eine Lösung dafür könnte es sein bereits vor Beginn der Aufgabe objektive nachprüfbare Kriterien hierfür festzulegen. Diese transparenten Kriterien, die für alle einsehbar sein müssen, könnten dann den ganzen Prozess lang über kontrolliert werden. Bedarf es also mehr parlamentarischer Kontrolle? Führt die Kontrolle nicht wieder zu dem Ursprungsproblem im Teufelskreis? Mehr Kontrolle bedeutet mehr öffentlicher Druck und mehr öffentlicher Druck führt zum Abwehrverhalten...
Wie schafft man es also, dass der Verantwortungsträger aus sich heraus erkennt, dass er sich fehlerhaft verhält bzw. verhalten hat? Vielleicht muss man die Träger der Verantwortung besser auswählen. Sie benötigen die Eigenschaft der Selbstreflektion und Einsicht. Verantwortungsträger müssen kritikfähig sein.
Kritikfähigkeit. Wann habe ich das letzt mal erlebt, dass ein Politker in die Kamera sieht und spricht: “Ihr habt ja Recht, wir ändern das jetzt dementsprechend.”. Ich muss schmunzeln. Dieser Gedanke fühlt sich an als sei er noch Jahrzehnte von der Wirklichkeit entfernt.

Vielleicht ist es auch ein Abbild unserer Natur, gegen das wir uns auf Gesellschaftsebene nicht wehren können. Es scheint nur natürlich zu sein in stressvollen Situationen entweder mit Nachdruck nach Vorne zu eifern oder sich zu ducken und möglichst nicht erkannt zu werden. Durch Regeln und die Einhaltung dieser Regeln ist es möglich natürliches Menschlichen Verhalten auf Gesellschaftebene zu lenken. Brauchen wir also mehr Regeln anstatt auf die Vernunft im Menschen zu vertrauen? Ich erkenne hier wieder das gleiche Muster wie zuvor: Mehr Regeln bedeuten mehr Kontrolle. Mehr Kontrolle bedeutet mehr öffentlicher Druck der zum Trotz- und Abwehrverhalten führt.

Wie ich merke ist eine einfache Lösung für das Problem mit der Verantwortungwahrnehmung nicht in Sicht. Mein bester Ansatz wäre es dem Teufelskreis zu entfliehen. Das ist nur mittels mehr Vertrauen möglich. Wie das Vertrauen zustande kommen soll ist Thema anderer Gedankengänge.